Nachfolgeveranstaltung

Klima-Manifest 2011: Sanieren mit Gestalt und Verstand

Ein Versprechen auf die Zukunft war es: Das Klima-Manifest „Vernunft für die Welt“ trat im Jahr 2009 mit dem Aufruf zu einer ökologischen Wende in Architektur und Stadtplanung an. Die diesjährige Bilanz, veranstaltet von BDA, Kammern und anderen Verbänden, richtete den Blick auf die energetische  Sanierung des Gebäudebestands. Diese gigantische Aufgabe wird, wie zunehmend auch das Bild ganzer Städte, von Wärmedämmverbund-Systemen (WDVS) dominiert. Schnell und pragmatisch erreichen diese Systeme die geforderte Energieeffizienz, ungeachtet der Kritik an gestalterischen und bauphysikalischen Mängeln.

Welche Alternativen Architekten, Ingenieure und Stadtplaner dazu anbieten, war die Fragestellung im Rahmen der Veranstaltung am 14. November im DAZ. Brain Cody (TU Graz) plädierte dafür, Energieeffizienz und Gestalt in ihrer Gesamtheit zu denken und zu entwerfen. In seinem Verständnis sind Gebäude nicht nur vor natürlichen Kräften zu schützen, sondern diese Kräfte sollten aktiv genutzt werden. „Form Follows Energy“ bleibt in den vorgestellten Projekten keine leere Worthülse - sie zeigen, wie Wind, Sonne und thermische Kräfte als Energielieferanten mit architektonisch-strukturellen Formen einzufangen sind. Und ganz nebenbei zeichnete Brain Cody ein mitreißendes Bild von einer ökologischen und ästhetischen Vision der Architektur.

Den Transfer dieses Denkansatzes auf den Gebäudebestand leisten zwei Projekte: Für die Sanierung der Mannheimer Siedlung Aubuckel aus den 1960er Jahren vernetzten das Forscherteam der TU Darmstadt um die Stadtplanerin Annette Rudolph-Cleff und den Architekten Günter Pfeifer Gebäude und Stadttechnik zu einem quartiersübergreifenden Energiekonzept. Die erforderlichen Neubauten („großer Bruder“) sind energieoptimiert ausgelegt und kompensieren die Energiebilanz der Altbauten  („kleiner Bruder“), deren typischer Ausdruck der Nachkriegsmoderne so erhalten werden kann. Insgesamt beruht das Konzept auf einem Low Tech-Ansatz, der mit „Spielwitz und Ingenieurkunst“ Speichermassen, Pufferzonen, Kühleffekte und solare Wärmegewinne mit einer architektonischen Sprache verbindet.

Die Wohnsiedlung „Am Bergmann“ in Sangerhausen bildet dazu das Pendant im Zeichen des ‚Sozialistischen Realismus’: Es galt, die gestalterischen zurückhaltenden Putzbauten mit Erkern, Lisenen und den figürlichen Sgraffito-Dekorationen denkmalgerecht zu sanieren. Hans-Otto Brambach entwickelte einen differenzierten und klugen Sanierungsansatz, der ohne den üblichen Eingriff in die Fassade auskommt: Gedämmte Innenwände - der Wohnflächenverlust wurde durch geänderte Raumzuschnitte ausgeglichen -, Wärmerückgewinnung, Fußbodenheizungen im Niedrigtemperaturbereich sowie die auf den Hofseiten angebrachten Sonnenkollektoren erreichen einen energetischen Neubaustandard nach der Energieeinsparverordnung 2007. Zudem wurde die Wohnqualität mit Wintergärten und Loggien, die nicht wie die üblich ergänzten Balkone die ursprüngliche Anmutung massiv verändern, aufgewertet. Ulrike Wendland als Landeskonservatorin von Sachsen-Anhalt sah in diesem Projekt ein gelungenes Beispiel dafür, wie denkmalgeschützte Gebäude in schrumpfenden Regionen attraktiv modernisiert werden können.

Wenngleich diese Beispiele zukunftsoptimistisch stimmen, ohne Wärmedämm-Verbundsysteme wird es nicht gehen. Pointiert hinterfragte Andreas Hild (Architekt BDA München) den Widerspruch zwischen der überwiegend ablehnenden Haltung dieses Dämmsystems bei Architekten und des fast flächendeckenden Einsatzes zur energetischen Sanierung. Sein Fazit: Der Markt für WDVS wird auch künftig bestehen, weil das geforderte stabile Mietpreisniveau meist keine aufwendige Sanierung erlaubt - und WDVS sind extrem preisgünstig. Daher plädierte Andreas Hild anhand überzeugender Beispiele dafür, das Bausystem bewusst gestalterisch zu nutzen und die Materialität auf der Fassade sichtbar einzusetzen. Von der Baustoffindustrie forderte er Innovationen im Bereich der ökologischen Eigenschaften und des Recylings ein. Die Luzerner Denkmalpflegerin Theresia Gürtler Berger ergänzte, dass den WDVS ein Beipackzettel beliegen sollte, ähnlich den Arzneiprodukten: Dieser Baustoff ist ein komplexes Produkt, das nicht ohne die planerische Kompetenz eines Architekten eingesetzt werden sollte.

Thomas Willemeit (GRAFT) nahm stellvertretend für die Unterzeichner des Klima-Manifests diesen Gedanken auf und sprach sich für ein Primat der Gestalt und der intelligenten Planung zur Lösung der Energiefrage aus. Dass diese Botschaft im politischen Raum angekommen ist, zeigte das vom Bundesbauministerium vorgestellte neue Programm zur energetischen Stadtsanierung: 92 Millionen Euro stehen 2012 für die Erstellung integrierter Quartierskonzepte durch Sanierungsmanager zur Verfügung.

Das Versprechen auf die Zukunft, das am Anfang des Klima-Manifests stand, wird wohl Schritt für Schritt eingelöst werden.


Ausgewählte Vorträge

Neue Konzepte für eine klimaneutrale Sanierung des Gebäudebestands

Das energetische Quartierskonzept: Siedlung Aubuckel, Mannheim (Download)
Prof. Günter Pfeifer, Fachgebiet Entwerfen und Wohnungsbau, TU Darmstadt

Reflexionen zum energetischen Quartierskonzept (Download)
Christina Sager, Abteilung Energiesysteme, Fraunhofer Institut für Bauphysik, Kassel

Der strukturelle Einsatz von Wärmedämmverbundsystemen (Download)
Andreas Hild, Hild und K Architekten, München

Reflexionen zu Wärmedämmverbundsystemen (Download)
Dr. Clemens von Trott zu Solz, Deutsche Amphibolin-Werke von Robert Murjahn Stiftung & Co. KG, Ober-Ramstadt

Neue Konzepte für eine klimaneutrale Sanierung des Gebäudebestands

Die Erfordernis neuer Dämmsysteme: Innendämmung bei Klinkerbauten - ehemaliges Urban Krankenhaus, Berlin
Klaus Meibohm, Meibohm Architekten, Berlin

Reflexionen zur Innendämmung (Download)
Dr.-Ing. Rudolf Plagge, Institut für Bauklimatik, TU Dresden

Die Einheit aus Denkmalschutz und Klimaschutz: Wohnsiedlung „Am Bergmann“, Sangerhausen (Download)
Hans-Otto Brambach, Brambach Architekten, Halle

Die neuen Konzepte …

… aus Sicht der Ökonomie (Download)
Claus Michelsen, Institut für Wirtschaftsforschung, Halle

...aus Sicht der Förderpolitik (Download)
Dr. Frank Heidrich, Referatsleiter, Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Berlin


Klima-Manifest 2010: Gebautes und Gedachtes

Ein Jahr nach Veröffentlichung des Klima-Manifests „Vernunft für die Welt“ haben Unterzeichner und die Standesorganisationen der Architekten, Ingenieure und Stadtplaner in Berlin eine erste Bilanz gezogen.

Der renommierte Politologe Claus Leggewie sparte nicht mit Lob: „Das Klima-Manifest ist das Beste, was ich bislang zu diesem Thema gelesen habe.“ Doch selbst wenn Architekten und Ingenieure, so Leggewie in seinem Eröffnungsvortrag, eine Effizienzrevolution in der gebauten Stadt erreichten, erfordert eine nachhaltige Gesellschaft andere Lebensstile und Verhaltensmuster: Es muss der Übergang „vom falschen Mehr zum besseren Weniger“ gelingen. Architektur hängt am „Einzelnen und seinem Eigenheim“ (Pierre Bourdieu) und somit an der individuellen Perspektive der Bauherren. Leggewie empfahl daher den Planern, vom Klimahelden zum Energiegenossen zu werden: Dafür bedarf es weniger Regularien und Vorschriften, aber mehr Partizipation für eine „verantwortungsvolle und experimentelle Selbsttätigkeit der Bürgerschaft“.

Der in der Schweiz tätige Architekt Sebastian El khouli zeigte, wie mit einer Idee, einem Bild, einer Vision von Architektur der spröde Begriff der Nachhaltigkeit gefüllt werden kann und diese tatsächlich Lust auf einen mentalen Verhaltenswandel weckt.  Denn im Sinne von Claus Leggewies „vom falschen Mehr zum besseren Weniger“ bietet nachhaltige Architektur die Chance, Bauen wieder einfacher zu machen, es von überflüssiger Technik zu befreien – „von Technik, die prothesenartig das kompensiert, was das Gebäude baulich nicht zu leisten im Stande ist“. El khouli plädierte für ganzheitliche Architekturkonzepte, die nach individuellen, differenzierten Lösungen, nach einem Verständnis für lokale und regionale Bautraditionen verlangen. Statt des bisherigen globalen Einheitsbreis gilt es mit einem „kritischen Regionalismus“ (Kenneth Framptons) baukulturelle Identitäten zu stärken und mit dieser architektonischen Haltung, Bauen nicht als Antagonismus zur Natur zu verstehen.  

Von dieser Haltung sprachen die vier Projekte, die beispielhaft die bauliche Konkretion des Klima-Manifestes verdeutlichten: Die Sport- und Mehrzweckhalle in Unterschleißheim von P S A Pfletscher und Steffan Architekten und die CO2-neutrale Wechselrichterfabrik in Kassel von HHS Hegger Hegger Schleiff zeigten, wie Energieeffizienz und eine gute Gestalt nicht mit einem Mehr an Technik, sondern durch intelligente Raumkonzepte erreicht werden können. Im Biohotel im Apfelgarten in Kranzberg von Deppisch Architekten kumulieren die von Sebastian El khouli entwickelten Kriterien für nachhaltige Architektur: Das Hotel greift ein lokales Motiv auf − das Bild der Scheune − und entwickelt ein eigenes, modernes Erscheinungsbild in ressourcenschonender Bauweise mit nachwachsenden Rohstoffen. Sinnlich-atmosphärisch steht somit das Biohotel für zeitgemäßes nachhaltiges Bauen ohne plakative Öko-Ästhetik.

Die weitere Debatte an diesem Tag wurde von dem Projekt „Kölner Klimawandel“ bestimmt, das auf einem bürgerschaftlichen Engagement beruht und alle wichtigen Handlungspartner der Stadt Köln in eine ökologische Initiative einbezieht. Dieser Ansatz, getragen vom Haus der Architektur Köln und vom Institut für angewandte Umweltforschung Katalyse, hat einen Dialogprozess von öffentlicher Verwaltung, Wirtschaft und Stadtgesellschaft in Köln initiiert, um Leitplanken und Strategien für einen „grünen Masterplan“ zu entwickeln.

Es sind diese Ideen und Ansätze für eine neue Kultur der Verantwortung und Teilhabe, deren Bedeutung für den ökologischen Paradigmenwechsel von dem Architekten Matthias Sauerbruch und dem Londoner Stadtplaner Raoul Bunschoten in ihrer Bedeutung unterstrichen wurden: Städte und ihre Stadtgesellschaft müssen zu Laboratorien für nachhaltige Lebensstile, für weitreichende Beteiligungsformen und für einen unverkrampften Dialog zwischen den Klimaakteuren aus Industrie, Politik und Gesellschaft werden. Dann können unternehmerische Investitionen und technische Innovationen in eine zukunftsfähige und urbane Konzeption des ökologisch Sinnvollen gelenkt werden und den Sprung vom vereinzelten Vorzeigebeispiel auf die Ebene eines Quartiers oder einer Stadt schaffen. Ein Ansatz, der in der Fortschreibung des Klima-Manifestes aufgenommen wird und ein weiterer Baustein, um vom Gedachten zum Gebauten zu kommen.

 

Ausgewählte Vorträge

Ein Jahr Klima-Manifest (Download)
Prof. Dr. Klaus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen und Leiter des Projekts KlimaKultur

Sustainable by Design. Die Verantwortung der Architektur (Download)
Sebastian El khouli, Architekt und Direktor UIA Work Programme

 

Tragende Institutionen des Klima-Manifests
Bund Deutscher Innenarchitekten (BDIA)
Bund Deutscher Architekten (BDA)
Bund Deutscher Landschaftsarchitekten BDLA
Bundesarchitektenkammer e.V.
Verband Beratender Ingenieure VBI
Verband Deutscher Architekten- und Ingenieurvereine e.V. DAI
Vereinigung freischaffender Architekten Deutschlands
Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung SRL